
Bildung ist ein Grundrecht
Bildung ist das Thema Nr.1 in der Landespolitik.
In dem Maße wie die Industriegesellschaft sich zur Wissens- und Informationsgesellschaft wandelt, muss sich auch unser Bildungssystem verändern. Die PISA-Studie und Folgestudien (z.Bsp. IGLU) haben jedoch gezeigt, dass Deutschland und auch Baden-Württemberg im internationalen Vergleich relativ schlecht abschneiden. Schlimmer noch: In keinem anderen PISA-Land entscheidet die soziale Herkunft so stark über die Bildungschancen wie in Deutschland. Selbst der UN-Sonderberichterstatter Muñoz hat in seinem jüngsten Besuch darauf hingewiesen.
Die Konsequenz daraus ist, unser Bildungssystem fördert weder die leistungsstarken Kinder noch die Schwächeren. Das 8-jährige Gymnasium wurde handwerklich schlecht eingeführt. Insbesondere die Abschlussklassen der Hauptschulen haben wenig Chancen auf einen Ausbildungsplatz, denn die Anforderungen für Ausbildungsberufe steigen stetig an. Gerade im demografischen Wandel hat dies fatale Auswirkungen, denn sinkende Schülerzahlen gefährden die Hauptschulen im ländlichen Raum.
Bildung muss gut und sozial gerecht sein
Nach wie vor ist der Einfluss der Herkunft der Schülerinnen und Schüler entscheidend für ihre Bildungsbeteiligung und ihren Bildungserfolg. Durch die frühe Verteilung der Schülerinnen und Schüler in die weiterführenden Schulen werden die sozialen Ungleichheiten noch verstärkt. Die von Schule zu Schule, sowie von Region zu Region extrem unterschiedlichen Übergangsquoten zeigen deutlich, dass von einer begabungsgerechten Auslese nach der Grundschule überhaupt nicht die Rede sein kann.
Auch der Begriff der "Hauptschule", mit dem suggeriert wird, dass sie als Schule der "praktisch Begabten" eine Schule für den "Hauptteil" der jungen Menschen darstellt, ist durch die Entwicklung der Bildungsbeteiligung längst ad absurdum geführt worden. Die "Abstimmung mit den Füßen" hat dazu geführt, dass landesweit nur noch 26,5 % der Schülerinnen und Schüler eine Hauptschule besuchen. Meist sind es nur noch die Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund, die keine ausreichende Sprachförderung erhalten haben, sowie Schülerinnen und Schüler mit besonderen Problemlagen und Schwierigkeiten, die in die Hauptschulen gehen. Dort fehlen ihnen Zugpferde, Motoren und Vorbilder, an denen sie sich orientieren können. Ihre Perspektiven auf eine Ausbildung und dauerhafte berufliche Integration werden immer schlechter. Daran kann auch das große pädagogische Engagement der Lehrkräfte und die vielen pädagogischen Innovationen, die von ihnen an den Hauptschulen über viele Jahre hinweg umgesetzt wurden, nichts ändern.
Das bestehende Schulgesetz bietet zudem keine Handhabe, den Herausforderungen des demographischen Wandels mit dem langfristig zu verzeichnenden Schülerrückgang zu begegnen. Bis zum Jahr 2015 geht die Zahl der Schülerinnen und Schüler an den Hauptschulen um 20 % zurück, bis zum Jahr 2025 sind es sogar rund 33 %. Ohne Korrekturen des Schulgesetzes ist die Hälfte der 1200 Hauptschulstandorte massiv bedroht. Damit drohen wohnortnahe Schulstandorte im ländlichen Raum wegzufallen, von denen viele mit neuen integrativen Schulmodellen dauerhaft als Sekundarschule im Ort gehalten werden könnten.
Ausgelöst durch die Krise unseres dreigliedrigen Schulsystems und die Erkenntnisse der PISA-Studie, dass andere Länder sehr erfolgreich mit integrativen Schulsystemen abgeschnitten haben, ist die Zahl der Unterstützerinnen und Unterstützer für eine Reform der Schulstruktur und neue Schulmodelle mit längerem gemeinsamem Lernen auch in Baden-Württemberg immer größer geworden: allen voran der Baden-Württembergische Handwerkstag, aber auch Gewerkschaften, Lehrerverbände wie GEW und VBE, kommunale Spitzenverbände, Oppositionsparteien, Gruppierungen in der CDU wie die Sozialausschüsse, Schulleitungen, Elternbeiräte fördern ausdrücklich auch eine Reform der Schulstruktur. Einen großen Schub zur Veränderung hat auch der Schulleiterbrief der 100 Schulleiter aus dem Kreis Ravensburg und dem Bodenseekreis 2007 ausgelöst, dem sich weitere Hunderte Schulleiterinnen und Schulleiter inzwischen angeschlossen haben.
Wir GRÜNEN fordern daher die Überwindung des gegliederten Schulsystems mit seiner veralteten frühen Sortierung. Wir streben eine Basisschule an, in der alle Schülerinnen und Schüler neun bzw. zehn Jahre gemeinsam lernen und individuell gefördert werden.
Bildung ist kein Teilzeitjob
Wir wollen den flächendeckenden Ausbau von Ganztagesschulen zu pädagogisch guten Bildungseinrichtungen. Für die Schülerinnen und Schüler wird Schule damit zu einem positiv besetzten Lebensraum. Das bedeutet eine Entzerrung der heute noch sehr stark verdichteten Unterrichtszeiten und eine Rhythmisierung des Schultags, bei dem sich Phasen der Anspannung und Entspannung, des Unterrichtes und Selbstlernens und von kulturellen, musischen, sportlichen Angeboten abwechseln. Für Mütter und Väter bedeutet Ganztagsschule, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf möglich wird.
Das G8 muss umgestaltet werden
Das achtjährige Gymnasium ist in Baden-Württemberg mittlerweile im vierten Jahr. Im Jahr 2012 werden die ersten Schülerinnen und Schüler ihr Abitur nach acht Jahren ablegen. Doch wie ist die Realität an den Schulen? Vor allem Eltern berichten vom Druck auf die Schülerinnen und Schüler, von einem Stoffpensum, das oft nicht zu bewältigen ist und einer zeitlichen Belastung für Kinder, die einem zehn Jahre älteren Azubi nicht zugemutet werde. Obwohl nicht als Ganztagesschule konzipiert, sind beim G 8 viele Schüler ganztägig an der Schule - die Schulen sind aber für ein pädagogisch sinnvolles Ganztagesangebot sowohl räumlich als auch personell nicht ausgestattet. Wir GRÜNE fordern eine Reform 8-jährigen Gymnasiums:
1. Sofort den Druck abbauen
Die Benotung der Vergleichsarbeiten setzt Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte gleichermaßen unter Druck. Als Instrument der externen Evaluation sollten sie anonymisiert und in Stichproben vom Landesinstitut für Schulentwicklung erhoben werden. Wir fordern deshalb, dass auf eine Benotung der Vergleichsarbeiten ab sofort verzichtet wird.
2. G 8 wird rhythmisierte Ganztagsschule
Die achtjährigen Gymnasien müssen zu qualitativ guten Ganztagsschulen ausgebaut werden. Die rhythmisierte Ganztagsschule soll Zeiten selbstständigen Lernens mit qualifizierter fachlicher Begleitung enthalten - aus Hausaufgaben werden Übungs- und Vertiefungszeiten. Wir schlagen vor, dass täglich ein bis zwei Stunden solche Übungs- und Vertiefungsphasen dafür pro Klasse angeboten werden. Ohne Hausaufgaben ist es den Schülerinnen und Schülern wieder möglich, in angemessenem Umfang auch nach der Schule an außerschulischen Aktivitäten, u. a. in Sportvereinen, teilzunehmen. Für die Ganztagsschule muss das Land die erforderlichen Mittel bereitstellen. Wir fordern bereits zum kommenden Schuljahr 1000 zusätzliche Lehrerdeputate für die Gymnasien für den Ausbau der Ganztagsschule.
3. Exemplarisches und praktisches Lernen fördern - keine Kürzung der Unterrichtsstunden
Wir GRÜNEN sind grundsätzlich gegen eine Reduktion der Lernzeiten, die in Deutschland im internationalen Maßstab gesehen, ohnehin nicht üppig sind. Wir brauchen deshalb ein anderes Lernen. Es geht nicht darum möglichst viel "Stoff durchzunehmen", sondern darum, sich Wissen anzueignen und die Kompetenz zu erwerben, dieses Wissen auch anzuwenden. Dies erfordert mehr exemplarisches und praktisches Lernen, das anschaulich ist und an den Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler anschließt. Wir fordern daher, die Bildungspläne auf den Prüfstand zu stellen, und in Arbeitsgruppen mit Fachdidaktikern, Schulpraktikern und Eltern die wesentlichen Grundlagen an zu vermittelndem Wissen zu klären und festzulegen.
4. Das Abitur reformieren - den heimlichen Lehrplan ändern
Was auch immer in den Bildungsplänen steht, die Lehrerinnen und Lehrer müssen sich - im Interesse ihrer Schülerinnen und Schüler - daran orientieren, was im Abitur gewusst und gekonnt werden muss. Faktisch gibt das Abitur vor, was und vor allem wie im Gymnasium gelernt wird. Wir brauchen daher eine Reform des Zentralabiturs mit veränderten zentral gestellten Aufgaben, die den Anforderungen exemplarischen Lernens gerecht werden. Wir lehnen eine Senkung des Niveaus des Abiturs ab, aber nur mit einer Reform des Abiturs kann seine Qualität mit dem G 8 erhalten werden.
Freie Schulen sollen gleichgestellt werden
Die Schulen in freier Trägerschaft sind seit Jahren unterfinanziert. Folgen: Die Gebühren sind zu hoch. Das bringt finanzielle Einbußen für die Lehrerschaft, wenn der enge Finanzrahmen nicht zu Lasten der Qualität gehen soll. Wir haben seit Jahren eine bessere Finanzierung angemahnt und einen Gesetzentwurf vorgelegt, der eine Finanzierung in Höhe von 80% der Kosten je SchülerIn vorsieht.
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